wlz_kopf 18.9.2004

Drei ältere Damen sitzen an diesem Donnerstagmorgen zusammen im „Alten Forsthaus“ zwischen Armsfeld und Bergfreiheit. Sie lachen viel und erzählen von ihren Erinnerungen. „Es war eine schöne Zeit“, sagt Brigitte Oppeld (69). Ihre Schwester Sabine Bieler, (71) nickt und die 87-jährige Erna Hohl meint: „Wir waren fröhlich mit den Kindern, trotz allem.“

 

 

Sie denken zurück an eigentlich schwere Jahre, die sie gemeinsam in Armsfeld erlebt haben, damals in der Endphase des Zweiten Weltkrieges: die beiden Schwestern, deren Vater der bekannte Maler und Schriftsteller Erich Scheuermann war und Erna Hohl, die vielen Wildungern ein Begriff ist als engagierte Leiterin des Altwildunger Kindergartens, über 28 Jahre lang bis 1980. Zwischen 1943 und 1945 führte sie das Kinderheim, das sich im alten Forsthaus Armsfeld befand. Dort suchten rund 15 Mädchen und Jungen aus Kassel Unterschlupf, die zum Schutz vor den Bombenangriffen von ihren Eltern in das Kellerwalddorf gebracht worden waren. Die Schulpflichtigen unter ihnen gingen jeden Tag nach Armsfeld in den Unterricht zu Erich Scheuermann. Der vielseitig interessierte und talentierte Künstler arbeitete dort als Aushilfslehrer, um seine Familie durchzubringen, mit der er in einem Häuschen nahe dem Gershäuser Hof lebte.
„Die Mädchen und Jungen aus dem Kinderheim waren unsere Klassenkameraden“, erzählte Brigitte Oppeld. Sie hat die weiteste Anreise, ist wegen des 750-jährigen Armsfelder Jubiläums von Australien in den Kellerwald gekommen. Ihre Schwester Sabine Bieler hält bis heute Kontakt zu einer ehemaligen Mitschülerin, die damals im Kinderheim untergebracht war. Die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ nahm das alte Forsthaus 1943 in Besitz. Vor dem Krieg hatte dort Förster Steinmeier gewirkt, der 1939 eingezogen wurde und kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen fiel.
„Als wir hierher kamen, stand das Haus leer“, erinnert sich die gelernte Erzieherin und Gesundheitspflegerin Erna Hohl, „meine Kollegin und ich haben es eingerichtet. Alles war viel kleiner als heute,“ Die Gau-Verwaltung in Kassel wies ihr die Aufgabe und das Gebäude zu. Kurze Zeit später trafen die Kinder aus Kassel ein.Trotz des Krieges brauchten die beiden Frauen und ihre Schützlinge keinen Hunger leiden. „Ich musste nicht selbst einkaufen, die Lebensmittel bekamen wir vom Gau zugeteilt“, berichtet Erna Hohl. Milch gab es von benachbarten Bauernhöfen.Die älteren Kinder gingen morgens zur Schule, während die jüngeren bei der Erzieherin und der Küchenhilfe blieben und wie in einem Kindergarten betreut wurden. „Wir haben viel gespielt und gesungen. Ich hatte ein Klavier und ein Akkordeon“, erzählte Erna Hohl. Die Eltern der Kinder kamen regelmäßig zu Besuch und die Erzieherin hatte eine Liste mit ihren Namen und Adressen. Nach einem Bombenangriff auf Kassel kam für Erna Hohl eine schwere Stunde. Sie machte sich mit der Liste aus den Weg in die Stadt, um herauszufinden, ob die Mütter und Väter das Inferno überlebt hatten.

 

„In Wabern wollte ich umsteigen, der Zug war voll und ich sagte den Menschen, dass ich hinaus muss, aber niemand reagierte. Die Leute waren abgestumpft.“ Also kletterte sie aus dem Fenster. In Kassel suchte sie alle Adressen nacheinander auf. „Ich fand Zettel, die an den Trümmern angebracht waren: „Wir leben noch.“ Unterwegs pöbelte ein Soldat sie an wegen ihres sauberen Mantels. Er dachte, Erna Hohl wolle sich vorm Aufräumen drücken, „aber ich musste doch wieder zurück zu den Kindern.“ Allen konnte sie die frohe Botschaft überbringen, dass die Eltern leben, allen, nur einem Jungen nicht. Seine Mutter und sein Vater waren bei der Bombardierung ums Leben gekommen. „ Der Junge hatte noch einen älteren Bruder an der Front“, erinnert sich die 87-jährige. Der junge Mann wollte dem Kleinen die traurige Nachricht selbst beibringen, aber als er nach Armsfeld kam, brachte er es nicht übers Herz. Erna Hohl musste es tun.Als 1945 in den letzten Kriegstagen die Amerikaner kurz vor Armsfeld standen, waren die Kinder nach Kassel zurückgekehrt. Erna Hohl blieb: „Ich wusste ja nicht wohin.“ Sie schlug sich durch mit Arbeiten bei den Bauern.
Dann brummten die Motoren der Panzer auf einem Berg über dem Dorf. „Kurz vorher hatten deutsche Soldaten hier am Haus und im Dorf Panzersperren aufgestellt und waren in der Nacht verschwunden“, erzählt die alte Dame.
Das wissen auch die beiden Töchter von Erich Scheuermann noch genau, in deren Kindheitsgedächtnis sich dieser Tag eingebrannt hat. „Unser Vati lief im Dorf herum und bat andere Armsfelder um Hilfe beim Abbauen der Panzersperren. Er fürchtete, die Amerikaner könnten auf das Dorf schießen“, schilderte Brigitte Oppeld. Doch die Dorfbewohner hatten Angst, die deutschen Soldaten könnten zurückkommen und sie bei der Arbeit erwischen. „Da bastelte sich unser Vater eine weiße Fahne und ging den Amerikanern entgegen“, fügt Sabine Bieler hinzu. Erich Scheuermann sprach sehr gut Englisch, weil er eine Zeit in den USA verbracht hatte. „Auf dem Panzer sitzend kehrte er im Triumph kurz darauf zurück. Er hatte den Soldaten erklärt, dass sich im Ort nur ältere Männer, Frauen und Kinder befinden“, berichtete Brigitte Oppeld. Sie und ihre Schwester erinnern sich gut an das Dröhnen der Motoren. Ungewohnte Geräusche, da es im Dorf damals nur drei oder vier Schlepper gab.
Der Rettungstat von Erich Scheuermann, die Armsfeld wohl vor schweren Zerstörungen bewahrt hat, gedachte das Dorf zum großen Jubiläum. Die beiden Töchter hörten zu, als die Geschichte beim Festgottesdienst am vergangenen Sonntag zur Sprache kam

 

297

ZURÜCK